Gemeinden als erste Krisenmanager

Christoph Kainz ist Bürgermeister von Pfaffstätten und Präsident des NÖ Zivilschutzverbandes. Im Interview spricht er darüber, welche Rolle Gemeinden in Krisensituationen spielen und warum Vorbereitung auf Katastrophen immer wichtiger wird.

Autor: Helmut Reindl

NÖ GEMEINDE: Gemeinden sind oft die erste Ebene, die mit Krisen konfrontiert ist. Wie kann ein Bürgermeister Ruhe und Orientierung vermitteln, wenn die Lage unübersichtlich ist und Informationen noch unvollständig sind?

CHRISTOPH KAINZ: Die Gemeinde ist im Krisenfall die erste Anlaufstelle für die Bevölkerung. Gerade deshalb ist es entscheidend, dass bereits im Vorfeld klare Strukturen und Verantwortlichkeiten definiert sind. Bürgermeisterinnen und Bürgermeister sollten gemeinsam mit ihrem Team festlegen, wer im Ernstfall welche Aufgaben übernimmt. Diese Abläufe müssen regelmäßig geschult und geübt werden. Ebenso wichtig ist eine verlässliche Informationspolitik. Wer schon im Normalbetrieb darauf achtet, nur gesicherte Informationen zu veröffentlichen, schafft Vertrauen. Offizielle Informationskanäle der Gemeinde – etwa Website, Social Media oder Gemeindemedien – sollten regelmäßig genutzt und beworben werden. Vorbereitung schafft Sicherheit – für die Verantwortlichen ebenso wie für die Bürgerinnen und Bürger.

In den letzten Jahren gab es zahlreiche Ereignisse – vom Starkregen über Hagel bis hin zu Hochwasserkatastrophen. Hat sich dadurch das Bewusstsein für Katastrophenvorsorge auf Gemeindeebene verändert?

Jede größere Krise erhöht das Bewusstsein für Vorsorge und Krisenmanagement – sowohl in den Gemeinden als auch in der Bevölkerung. Das zeigt sich nach Starkregenereignissen, Hagelunwettern oder Hochwasserkatastrophen sehr deutlich. Allerdings hält dieses Bewusstsein oft nur eine gewisse Zeit an. Wenn längere Zeit nichts passiert, rückt das Thema Sicherheit wieder in den Hintergrund. Eine wichtige Aufgabe im Zivilschutz ist es daher, dieses Bewusstsein das ganze Jahr über wach zu halten – ohne Angst oder Panik zu verbreiten. Es geht vielmehr darum, Menschen zu zeigen, wie sie sich bestmöglich vorbereiten können. Denn je besser Bürgerinnen und Bürger vorbereitet sind, desto mehr entlastet das im Ernstfall Gemeinden und Einsatzorganisationen.

Wo sind die größten Herausforderungen für Gemeinden, wenn es um Krisenvorsorge und Katastrophenschutz geht?

Gemeinden erfüllen heute eine Vielzahl an Aufgaben, weshalb das Thema Krisenvorsorge in ruhigeren Zeiten leicht in den Hintergrund geraten kann. Dabei handelt es sich um einen kontinuierlichen Prozess. Sicherheit und Krisenresilienz sind keine Projekte, die man einmal abschließt und dann im Schrank ablegt. Regelmäßige Schulungen und Übungen sind notwendig, um Abläufe zu festigen. Gleichzeitig bringen Personalwechsel neue Anforderungen mit sich: Neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter müssen eingeschult werden und die Abläufe kennenlernen. Sicherheit entsteht daher nur durch kontinuierliche Arbeit.

Immer wieder wird über das Szenario eines großflächigen Stromausfalls diskutiert. Wie gut sind Gemeinden in Niederösterreich auf einen Blackout vorbereitet?

Ein sogenannter Blackout – also ein großflächiger Strom- und Infrastrukturausfall – kann grundsätzlich jede Gemeinde treffen. Deshalb ist es wichtig, dass Gemeinden entsprechende Sonderkatastrophenschutzpläne erarbeiten und regelmäßig überprüfen. Darin wird etwa festgelegt, wie Einsatzleitungen organisiert werden, wie Kommunikation aufrechterhalten werden kann, wie Trinkwasserversorgung und Abwasserentsorgung gesichert werden und wo Notanlaufstellen für die Bevölkerung eingerichtet werden. Viele Gemeinden beschäftigen sich mittlerweile intensiv mit diesem Szenario und treffen entsprechende Vorsorgemaßnahmen.

Welche konkreten Maßnahmen sollten Gemeinden treffen, um ihre Krisenfestigkeit zu erhöhen?

Das Wichtigste sind regelmäßige Schulungen und Übungen. Nur wenn Abläufe geübt werden, funktionieren sie im Ernstfall auch. Gleichzeitig sollten Gemeinden ihre Bevölkerung laufend über Zivilschutzthemen informieren und sensibilisieren. Je besser Menschen vorbereitet sind, desto resilienter wird auch die gesamte Gemeinde.

Welche Unterstützungsangebote gibt es seitens des Zivilschutzverbandes?

Im vergangenen Sommer fand in Krummnußbaum ein groß angelegtes Katastrophenschutz-Planspiel im Rahmen des Projekts „Krisensichere Gemeinde“ statt.

Der Niederösterreichische Zivilschutzverband unterstützt Gemeinden mit einem breiten Angebot. Dazu zählen etwa Stabs- und Planspiele, Schulungen für Gemeindeverantwortliche, Informationsveranstaltungen für die Bevölkerung sowie ein umfangreiches Kursangebot im Ausbildungszentrum Zivilschutz. Auf der Homepage findet man unter anderem ein umfangreiches Angebot an Texten und Inseraten für die Gemeindezeitung sowie Presseartikel. Ein besonderes Angebot ist die Zertifizierung zur „Krisensicheren Gemeinde“. In diesem Prozess begleiten wir Gemeinden Schritt für Schritt dabei, ihre Krisenvorsorge zu analysieren und weiterzuentwickeln. Die Teilnahme ist kostenlos und hilft dabei, Strukturen langfristig zu stärken.

Welche Krisenszenarien sollten Gemeinden besonders im Auge behalten?

Das hängt stark von den örtlichen Gegebenheiten ab. Naturgefahren wie Hochwasser oder Starkregen spielen vielerorts eine große Rolle. Grundsätzlich sollte sich aber jede Gemeinde intensiv mit dem Szenario eines großflächigen Strom- und Infrastrukturausfalls beschäftigen. Ein Blackout hätte weitreichende Auswirkungen auf nahezu alle Lebensbereiche.

Was ist Bürgermeistern zu raten, die das Thema Krisenvorsorge jetzt stärker angehen möchten?

Jede Gemeinde verfügt über einen Zivilschutzbeauftragten. Der erste Schritt sollte sein, mit ihm Kontakt aufzunehmen und gemeinsam Aktivitäten zu planen – etwa Informationsabende, Vorträge oder Übungen. Gleichzeitig empfehle ich, die Unterstützungsangebote des Niederösterreichischen Zivilschutzverbandes in Anspruch zu nehmen. Wir begleiten Gemeinden sehr gerne auf diesem Weg.

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