Bürgermeister unter Druck:
Hohe Zufriedenheit, wachsende Belastung
Eine aktuelle Umfrage, an der sich 764 österreischische Bürgermeisterinnen und Bürgermeistern beteiligten, zeigt: Die meisten sind mit ihrer Tätigkeit zufrieden. Doch fast 40 Prozent glauben, ihre Arbeit werde von der Bevölkerung nicht ausreichend anerkannt. Und die Anforderungen an das Amt wachsen.
Autor: Helmut Reindl
Arbeitsbedingungen überwiegend positiv bewertet
Die Arbeitsbedingungen werden von den befragten Bürgermeisterinnen und Bürgermeistern mehrheitlich positiv bewertet:
- Über 80 Prozent sind zufrieden oder sehr zufrieden.
- Nur zwei Prozent sind mit den Arbeitsbedingungen überhaupt nicht zufrieden.
Gleichzeitig berichtet mehr als die Hälfte von einer Verschlechterung in den vergangenen Jahren, nur sechs Prozent sehen eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen.
Anerkennung ist da. Aber sie reicht vielen nicht aus
Unter den befragten Gemeindechefs und -chefinnen sagt eine knappe Mehrheit, die eigene Arbeit werde von der Bevölkerung genügend wertgeschätzt. 55 Prozent sehen das so. 39 Prozent sagen jedoch, dass ihre Arbeit nicht genug geschätzt wird.
Damit erlebt ein erheblicher Teil der Amtsinhaber zu wenig Anerkennung. Das fällt auf, weil die Gemeindepolitik insgesamt deutlich besser bewertet wird als andere politische Ebenen (siehe Seite 9). Zwischen dem positiven Bild der Institution und dem persönlichen Erleben im Amt entsteht eine Lücke.
Ein klarer Unterschied zeigt sich nach Geschlecht. 57 Prozent der Bürgermeisterinnen sagen, ihre Arbeit werde nicht ausreichend wertgeschätzt. Bei den Bürgermeistern sind es 36 Prozent. Dieser Abstand deutet darauf hin, dass die Erfahrungen im Amt bei Männern und Frauen sehr unterschiedlich sind.
Wertschätzung zeigt sich damit nicht nur in Zustimmungswerten, sondern auch in der täglichen Rückmeldung aus der Bevölkerung. Sie hängt davon ab, wie Entscheidungen wahrgenommen werden und wie sichtbar die dahinterstehende Arbeit ist.
Die Bevölkerung schätzt die Gemeinde – aber nicht immer das Amt
Die parallel durchgeführte Befragung von 1.000 wahlberechtigten Österreicherinnen und Österreichern ab 16 Jahren zeigt: Die Gemeindepolitik schneidet auf allen abgefragten Dimensionen weit besser ab als Landes- und Bundespolitik.
- 70 Prozent sind mit der Gemeindepolitik eher zufrieden – bei der Landespolitik sind es 58 Prozent, bei der Bundespolitik nur 38 Prozent.
- Bei der Bürgernähe kommt die Gemeindepolitik auf 73 Prozent, Landes- und Bundespolitik auf 47 bzw. 19 Prozent.
- Auch bei der Lösungskompetenz liegt die Gemeindeebene mit 58 Prozent deutlich vorne.
Dass die Gemeinde im Leben der Menschen eine besondere Bedeutung hat, zeigt auch ein weiterer Befund: 40 Prozent der befragten Österreicherinnen und Österreicher geben an, das stärkste Heimatgefühl in ihrer Gemeinde oder Stadt zu spüren. Nur 24 Prozent nennen ganz Österreich, 23 Prozent ihr Bundesland.
Die Wertschätzung für die kommunale Ebene ist bei der Bevölkerung also klar vorhanden. Sie schlägt aber offenbar nicht immer direkt auf die persönliche Anerkennung der Amtsträgerinnen und Amtsträger durch.
Viele Rollen, wenig Ruhepause
Die qualitativen Tiefeninterviews mit ausgewählten Bürgermeisterinnen und Bürgermeistern geben Aufschluss, warum das Amt zunehmend als belastend erlebt wird. Die Tätigkeit hat sich verändert und beschränkt sich längst nicht mehr auf klassische Verwaltungsaufgaben.
Die Interviews beschreiben zudem, dass die Gemeinde gesellschaftlich eine neue Rolle einnimmt: Sie werde zum Rückzugsort der Menschen, zu einem Platz, an dem reales Leben noch spürbar sei.
„Rundherum ist alles düster. Die Gemeinde ist noch am ehesten ein Lichtblick“, sagt ein Bürgermeister.
Das schafft Erwartungen – und erhöht den Druck auf jene, die vor Ort Verantwortung tragen.
„Als Bürgermeister muss ich Manager-Qualitäten haben, gleichzeitig aber auch Sozialarbeiter und Mediator sein. Erreichbar selbstverständlich 24/7 – stets hilfsbereit und höflich. Selbst wenn ich beschimpft oder verklagt werde“, wird ein Bürgermeister zitiert.
Ein anderer hält fest:
„Ich stehe täglich an vorderster Front – und bekomme alles unmittelbar ab. Das hält nicht jeder aus. Man braucht in diesem Amt ein extrem dickes Fell.“
Dazu kommt ein Befund, der sich durch mehrere Gespräche zieht: Das Anspruchsdenken der Bürgerinnen und Bürger habe zugenommen, die Bereitschaft zur Eigenverantwortung hingegen abgenommen.
„Maßnahmen, bei denen früher keiner ein Ohr gerührt hätte, gehen heute bis zum Verwaltungsgerichtshof“, sagt ein Gesprächspartner.
Was einmal als selbstverständliche kommunale Entscheidung galt, wird heute häufiger angefochten.
Persönliche Haftung als offene Frage
Ein konkretes Thema, das Bürgermeisterinnen und Bürgermeister wiederholt ansprechen, ist die persönliche Haftung. In einem Amt, das mit wachsenden Anforderungen verbunden ist, wird diese Haftung von vielen als zusätzliche Bürde empfunden. Sie kann abschreckend wirken – auch für jene, die das Amt erst noch antreten könnten.
Finanzdruck und schwindender Spielraum
Die Tiefeninterviews benennen noch einen weiteren Belastungsfaktor: die finanzielle Lage der Gemeinden.
„Der finanzielle Teil, über den wir frei verfügen können, ist ein Restposten“, sagt ein Gesprächspartner.
Die Spielräume für eigenständige Entscheidungen würden kleiner, die Pflichtaufgaben aber nicht weniger.