Smart City: Fortschritt mit Nebenwirkungen?

Wie werden wir in Zukunft leben? Oder sollten wir uns nicht besser die Frage stellen „Wie WOLLEN wir in Zukunft leben“? Die Digitalisierung beeinflusst unsere Gesellschaft mit einer Geschwindigkeit, die noch vor wenigen Jahren kaum vorstellbar war. Städte und Gemeinden werden sich grundlegend verändern, intelligente Systeme künftig viele Bereiche des öffentlichen Lebens miteinander vernetzen. Doch wirklich smart wird sein, was den Menschen in den Mittelpunkt stellt.

Autor: Gerhard Sengstschmid

Der Begriff SMART bedeutete vor 100 Jahren im deutschen Sprachgebrauch so viel wie schick oder schneidig. Smart waren damals beispielsweise der Schriftsteller F. Scott Fitzgerald („Der große Gatsby“), die revolutionäre Modeschöpferin Coco Chanel oder Charlie Chaplin mit seiner gewitzten, schlagfertigen Intelligenz. Werfen wir einen Blick zurück. Wie haben sich die Menschen damals das Leben der Zukunft vorgestellt? Vor rund 100 Jahren träumte man von der totalen Eroberung des Luftraums, der damals als Sinnbild des Fortschritts galt. Von fliegenden Autos, Megastädten mit futuristischer Architektur, von Robotern, die den Haushalt erledigen und von Bildtelefonen, die schnurlos funktionieren. Aber man hatte auch Bedenken, dass die Technik die Oberhand gewinnen könnte. George Orwell skizziert in seinem Roman „1984“ das Szenario der totalen Überwachung. Das Zitat des 1949 erschienenen Romans – „Big Brother Is Watching You“ – steht bis heute sinnbildlich für den Verlust von Privatsphäre und den Missbrauch moderner Technologien. Vieles von dem, was sich unsere Vorfahren vorgestellt haben, ist heute tatsächlich so. Der Haushalt ist weitgehend automatisiert, Städte sind zu unglaublichen Ballungszentren angewachsen, fliegen gehört zum Alltag und die permanente, vielfach selbstgewählte Überwachung, die das World Wide Web und die globale Digitalisierung mit sich gebracht haben, nehmen wir ob der vielen Annehmlichkeiten billigend in Kauf. Wir haben längst begonnen, die neuesten Technologien in unseren Alltag zu integrieren und damit Abläufe verschiedenster Art zu optimieren und zu beschleunigen. Wir shoppen im Internet, tätigen Bankgeschäfte via App, streamen, statt fernzusehen und kommunizieren mit Ämtern und Behörden digital. Der Personenverkehr funktioniert zunehmend „on demand“, ältere Menschen alarmieren mit Smart Watches im Notfall den Hilfsdienst. SMART hat eine völlig neue Bedeutung bekommen: Smarthome, Smartphone, Smart City. Heute wird smart mit Intelligenz, Vernetzung oder auch Automatisierung in Verbindung gebracht.

Digitale Identität – ein Weg zur smarten Verwaltung?

Schon heute erledigen wir einen beachtlichen Teil unserer Behördengänge per Tablet oder Smartphone. Doch nicht alles lässt sich online tätigen, Wartezeiten und Formulare ausfüllen gehören nach wie vor zu unserem Alltag. Das geht besser! Stellen wir uns vor, jeder von uns würde bei der Geburt eine digitale Identität bekommen, die im Lauf der Zeit wachsen würde, analog zu unserem Leben. Ereignisse und Daten werden hinzugefügt: Kindergarten, Schuleintritt, der weitere Ausbildungsweg, Lehrstelle oder Universität, Praktika, Jobs, Wohnortwechsel, Führerschein, Bauvorhaben, Förderungen. Unser gesamtes Leben in einer digitalen Identität. Nicht, um uns zu überwachen (Big Brother isn’t watching you!), sondern um uns Zeit zu sparen, wenn wir beispielsweise unseren Personenstand ändern oder umziehen. Alle Stellen, die von diesen Änderungen informiert werden müssen, alle Dokumente, die neu angefordert oder umgeschrieben werden müssen, könnten direkt von einer KI-unterstützten Plattform erledigt werden. Vernetzt, schnell und koordiniert. Veranlasst durch uns, indem wir in einer entsprechenden App am Smartphone eine kurze Eingabe über die Veränderung machen. Kein mühsames, manuelles Informieren von Bank, Schule, Kindergarten, Versicherungen, Arbeitgeber und Co. Alle werden automatisch in Kenntnis gesetzt. Und sollte eine spezielle Situation ein persönliches Agieren erforderlich machen, kann dieses einfach und völlig frei von jeglichem Formular per Sprache direkt über das Smartphone geschehen. In Zeiten von steigender Flexibilität bei Job und Wohnort wäre das eine große Erleichterung. Völlig falsch liegen jene, die sich jetzt ein Gemeindeamt vorstellen, das nur von Robotern betrieben wird. Der Mensch würde weiter eine zentrale Rolle in der Verwaltung spielen, Standards und Routineaufgaben würden jedoch von Computer & Co übernommen werden. Bedienstete würden nur in Sonderfällen eingreifen. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hätten dann mehr Zeit für Beratungen und komplexe Entscheidungen. Digitalisierung würde den Menschen nicht ersetzen, Erfahrung und Empathie würden auch in Zeiten von KI und digitaler Identität ein gefragtes „Tool“ bleiben.

„Meine Mobilität“ statt „mein Auto“

Auch der Verkehr könnte sich grundlegend verändern. Das bisherige Denken in festen Fahrplänen und einzelnen Verkehrsmitteln könnte zunehmend durch intelligente Mobilitätssysteme ersetzt werden. Besonders Rufbusse und On-Demand-Verkehre würden die Mobilität flexibler gestalten, Fahrten würden per App oder digital buchbar sein. Eine KI bündelt die Anfragen mehrerer Fahrgäste und berechnet die optimale Route. Dadurch entstünden deutlich weniger Leerfahrten, während gleichzeitig ein dichteres Mobilitätsangebot möglich wäre. Mobilität würde sich damit vom Besitz eines eigenen Fahrzeugs hin zu einer jederzeit verfügbaren Dienstleistung entwickeln. Bahn, Bus, Fahrrad oder Carsharing wären intelligent miteinander verknüpft und würden bei einer Anfrage, je nach Zeit, Kosten oder Umweltwirkung, automatisch vorgeschlagen. Wenn wir beispielsweise einen Wochenend- Ausflug nach Innsbruck unternehmen möchten: Eine simple Aufforderung an die entsprechende App, den Trip für zwei Personen zu buchen, Datum hinzufügen, Hotelkategorie festlegen und schon organisiert die KI die Reise und reserviert automatisch den Rufbus zum Bahnhof, Zugfahrt samt Sitzplatzreservierung, Taxi zum Hotel, Zimmer der angegebenen Kategorie und – auf Wunsch – auch Restaurant, Ausstellungsbesuche und mehr. Alles im Paket. Die Kosten werden mittels hinterlegter Kreditkarte beglichen. Auch eine Fahrt zum Arzt oder zur Tochter im Nachbardorf ließe sich so einfach und kostengünstig organisieren – ganz ohne eigenes Auto. Ein nicht zu vernachlässigender Mehrwert wäre die Verringerung des Kohlendioxid-Ausstoßes. Die Lebensqualität würde sich somit erheblich verbessern.

Betreuung und Pflege – wenn Menschen Mangelware werden

Es ist kein Geheimnis, dass wir Menschen immer älter werden. Das Steigen der Lebenserwartung per se ist eine positive Sache, obwohl sie einige Herausforderungen mit sich bringt. Eine davon ist die Versorgung und Pflege im Alter. Hilfsdienste wie Caritas oder Hilfswerk suchen händeringend nach Personal, die Anfragen bezüglich Heimhilfe und Altenbetreuung steigen ständig. Eine der wichtigsten Hilfestellungen, die im Alter das Leben zu Hause erleichtern, ist „Essen auf Rädern“. Doch auch hier gilt: Die Anfragen werden mehr, die „helfenden Hände“ fehlen an allen Ecken und Enden. Kann hier durch einen Roboter Abhilfe geschaffen werden? Denken wir die Möglichkeit kurz durch: Unsere Kundin – nennen wir sie Frau Huber – bekommt täglich ihr Mittagessen pünktlich um zwölf Uhr Mittag geliefert. Eine nette ältere Dame, die sich bereits im Ruhestand befindet, möchte ein paar Stunden pro Woche jenen Menschen widmen, die Hilfe brauchen. Sie bringt das Essen mit einem Lächeln in die Küche von Frau Huber. Mit einem freundlichen „Wie geht es Ihnen heute?“ stellt sie das Geschirr auf den Tisch, nimmt jenes vom Vortag mit und verabschiedet sich mit einem „Mahlzeit! Bis Morgen!“ Frau Huber lächelt. An manchen Tagen ist das der einzige menschliche Kontakt, den sie zur Außenwelt hat. Eines Tages kommt keine nette Dame mehr, denn sie ist gesundheitlich nicht mehr in der Lage, anderen zu helfen. Sie wurde durch einen Roboter ersetzt. Gefahren wird der Roboter von einem sich autonom bewegenden Fahrzeug. Auch auf diesem Weg kommt das Essen zu Frau Huber, sie muss nicht Hunger leiden. Doch auf das Lächeln der netten Dame von früher muss sie nun verzichten, denn die Mimik des Roboters kann Empathie nicht ersetzen. Frau Huber bleibt nun als menschliches Gegenüber nur noch die Nachrichtensprecherin im Fernsehen …

Digitale Kluft vermeiden – Technologie im Dienst des Menschen

Mit den digitalen Möglichkeiten entstehen auch neue Risiken. Nicht alle Menschen verfügen über die gleichen digitalen Kompetenzen oder haben Zugang zu moderner Technologie. Ältere Menschen, sozial benachteiligte Gruppen oder Personen mit geringer digitaler Erfahrung könnten Schwierigkeiten haben, mit der zunehmenden Digitalisierung Schritt zu halten. Eine erfolgreiche „Smart City“ muss deshalb mehr leisten als technische Innovation. Digitale Bildung, leicht verständliche Anwendungen, barrierefreie Angebote und auch persönliche Unterstützung müssen zu wesentlichen Bestandteilen der kommunalen Dienstleistungen werden. Analoge Zugänge müssen dort erhalten bleiben, wo sie für eine gleichberechtigte Teilnahme notwendig sind. Smart-City-Lösungen werden in Zukunft nicht dadurch erfolgreich sein, dass sie möglichst viele digitale Anwendungen einführen. Ihr Erfolg wird daran gemessen werden, ob sie den Menschen das Leben tatsächlich erleichtern. Schnelle Verwaltungsverfahren, flexible Mobilität, nachhaltige Energieversorgung und intelligente Infrastruktur sind kein Selbstzweck, sondern Mittel zum Zweck, um die Lebensqualität der Menschen zu erhöhen. Künstliche Intelligenz wird dabei eine Schlüsselrolle spielen. Sie kann Prozesse beschleunigen, Ressourcen effizienter einsetzen und neue Dienstleistungen ermöglichen. Der entscheidende Maßstab bleibt jedoch der Mensch.

Keine verwandten Beiträge gefunden.

Beitrag teilen:

Das könnte Sie auch interessieren

Der Schwarm – so wird jede Gemeinde zum Stromspeicher

Der Energiemanagement-Experte Christian Kirchweger berichtet im Interview, wie ein neues Speicher- Konzept Stromnetze entlasten und Mehrwert vor Ort…
Begegnung schafft Verbindung 💚 Verbindung schafft Gemeinschaft 🌱 Und Gemeinschaft macht unsere Orte lebendig 🏡✨ Genau...

Begegnung schafft Verbindung 💚 Verbindung schafft Gemeinschaft 🌱 Und Gemeinschaft macht unsere Orte lebendig 🏡✨ Genau…

Begegnung schafft Verbindung 💚 Verbindung schafft Gemeinschaft 🌱 Und Gemeinschaft macht unsere Orte lebendig 🏡✨ Genau darin steckt…
Gemeinden leben nicht nur von Infrastruktur, Projekten und Beschlüssen 🏡 Sie leben vor allem von den Menschen, die sich...

Gemeinden leben nicht nur von Infrastruktur, Projekten und Beschlüssen 🏡 Sie leben vor allem von den Menschen, die sich…

Gemeinden leben nicht nur von Infrastruktur, Projekten und Beschlüssen 🏡 Sie leben vor allem von den Menschen, die sich einbringen und das…

Das Stromnetz als Fundament der Energiewende

Erneuerbare Energie boomt — doch ohne leistungsfähige Stromnetze kommt die Energiewende nicht ans Ziel. Die Geschäftsführer von Netz NÖ, Werner…

Der Speicherboom

Batteriespeicher stabilisieren das Netz, reduzieren Lastspitzen und steigern die lokale Wertschöpfung. Damit helfen sie Gemeinden, erneuerbare…
🌲🔥 Waldbrandgefahr ernst nehmen! 🧯 Alle Bürgermeisterinnen und Bürgermeister in NÖ haben die Infos zur aktuellen Kamp...

🌲🔥 Waldbrandgefahr ernst nehmen! 🧯 Alle Bürgermeisterinnen und Bürgermeister in NÖ haben die Infos zur aktuellen Kamp…

🌲🔥 Waldbrandgefahr ernst nehmen! 🧯 Alle Bürgermeisterinnen und Bürgermeister in NÖ haben die Infos zur aktuellen Kampagne bereits…

Infrastruktur – rechtlich auf den Punkt gebracht

Fragestellungen zum Thema Infrastruktur, mit denen Gemeinden konfrontiert sind. Autoren: Patrizia Leutgeb & Rudolf…
Der 3. Stopp von „Pressl on Tour“ führte uns am 8. Juli zum Speicherkraftwerk Ottenstein. ⚡️🚶‍♂️ Dort gab's spannende E...

Der 3. Stopp von „Pressl on Tour“ führte uns am 8. Juli zum Speicherkraftwerk Ottenstein. ⚡️🚶‍♂️ Dort gab's spannende E…

Der 3. Stopp von „Pressl on Tour“ führte uns am 8. Juli zum Speicherkraftwerk Ottenstein. ⚡️🚶‍♂️ Dort gab’s spannende Einblicke…