Wie das Stromnetz auf den Kopf gestellt wurde

Österreichs Stromsystem verändert sich stark. Früher kam Strom aus wenigen großen Kraftwerken. Heute speisen viele kleine Anlagen Strom ein. Vor allem Photovoltaik und Windkraft wachsen schnell. Gerhard Christiner, Vorstandssprecher der Austrian Power Grid, sagt: „Ein funktionierendes Energiesystem wurde durch den Ausbau der Erneuerbaren auf den Kopf gestellt.“

Autor: Helmut Reindl

Gerhard Christiner – Vorstandssprecher der Austrian Power Grid

Jahrzehntelang war die Stromversorgung übersichtlich: Wenige große Kraftwerke lieferten Energie, die dann zu den Verbrauchern floss. Heute hat sich das grundlegend verändert. In Österreich sind mittlerweile zehn Gigawatt an Photovoltaikleistung und 4,5 Gigawatt Windkraft installiert. Der Strom kommt nicht mehr von oben nach unten, sondern aus allen Richtungen. Strom aus Sonne und Wind ist nicht steuerbar. Er fließt, wenn das Wetter es erlaubt – nicht dann, wenn ihn jemand braucht. Für das Stromnetz ist das eine große Aufgabe, denn Strom kann im Netz nicht gespeichert werden. Er muss genau in dem Moment erzeugt werden, in dem er verbraucht wird. APG-Chef Gerhard Christiner nennt Strom ein „Just-in-Time-Produkt“. Angebot und Nachfrage müssen „in jeder Sekunde im Gleichgewicht“ sein. Das wird schwieriger. Viele Anlagen erzeugen Strom dezentral. Besonders im Osten Österreichs gibt es viel Strom aus erneuerbaren Quellen. Die großen Speicher liegen aber im Westen. Dazwischen fehlt laut Christiner ein Netz, das stark genug ist, um Überschüsse zu transportieren. Die Folge sind Überlastungen und Überschüsse im System. 2025 gab es laut Christiner mehr als 450 Stunden mit negativen Strompreisen. Das passiert vor allem zu Mittag, wenn sehr viel Sonnenstrom erzeugt wird. „Wir müssen etwas dafür bezahlen, um den Strom weg zu bekommen“, erläutert Christiner.

Netze wurden für eine andere Zeit gebaut

Die bestehenden Verteilnetze wurden nicht für diese Entwicklung geplant. Sie sollten Strom zu den Kundinnen und Kunden bringen. Heute muss Strom aber oft auch zurück ins Netz fließen. Christiner: „Dafür ist das Netz definitiv nicht ausgelegt.“ Für die APG bedeutet das: Das Übertragungsnetz muss ausgebaut werden. Christiner vergleicht es mit einer Stromautobahn. Die Umspannwerke seien die Auffahrten. Je stärker diese Infrastruktur ist, desto mehr erneuerbarer Strom kann genutzt werden.

Speicher werden wichtiger

Die APG will bis 2035 jährlich fast eine Milliarde Euro investieren. Damit soll mehr grüner Strom aus dem Osten zu den Pumpspeichern in den Alpen gelangen. Auch Industrie und Wirtschaft brauchen diese Leitungen. „Kapazitätsstarke Leitungen sichern günstige Strompreise“, sagt Christiner. Neben Leitungen braucht es Speicher. Besonders Batteriespeicher sieht Christiner als zentral an. Sie können Sonnenstrom vom Mittag in den Morgen oder Abend verschieben. Genau dann ist der Bedarf oft höher. Wichtig ist aber der Standort. Speicher sollen dort stehen, wo sie dem Netz helfen. Energiegemeinschaften bewertet Christiner anders: Sie könnten Menschen für das Energiesystem begeistern. „Systemtechnisch haben sie bislang aber wenig Wirkung.“

Eingriffe ins Netz kosten Geld

Wenn das Netz überlastet ist, müssen Kraftwerke gezielt gesteuert werden. Erneuerbare Erzeugung muss manchmal abgeregelt werden. Diese Maßnahmen heißen Redispatch. Laut Christiner kosteten sie 2025 insgesamt 87,2 Millionen Euro. An 215 Tagen waren solche Eingriffe nötig. Auch Smart Meter spielen eine Rolle. Sie machen den Verbrauch genauer sichtbar. Dadurch können Netzbetreiber besser planen. Christiner meint, Smart Meter seien ein Schritt, um Konsumentinnen und Konsumenten „zu aktiven Akteuren des Energiesystems“ zu machen. Auch künstliche Intelligenz wird bei der APG zunehmend eingesetzt. Sie hilft etwa bei Prognosen oder bei der Kontrolle von Strommasten. Trotzdem wird die Netzsteuerung anspruchsvoller. Der Grund ist die schwankende Erzeugung aus Sonne und Wind.

Gemeinden als wichtige Partner

Für Gemeinden und ihre Vertreter sieht Christiner eine besondere Verantwortung. Bürgermeisterinnen und Bürgermeister seien Vertrauenspersonen der Bevölkerung und wichtige Meinungsbildnerinnen und Meinungsbildner. Ohne ihre Unterstützung könnten Infrastrukturprojekte nicht verwirklicht werden. „Nur mit ihnen gemeinsam kann die versorgungssichere Energiewende gelingen. Wir als APG verstehen daher Bürgermeisterinnen und Bürgermeister als wichtige Partner bei der Umsetzung unserer Investitionsprojekte“, erklärt Christiner. Wer nämlich in zehn Jahren nicht infrastrukturell abgehängt sein will, muss heute Veränderungen zulassen und die notwendigen Maßnahmen unterstützen. Die Energiewende ist eine Chance – aber nur, wenn alle an einem Strang ziehen.

Netzbetreiber

Österreich hat 114 Verteilnetzbetreiber, wobei 85 Prozent dieser Betreiber nur sieben Prozent der Zählpunkte versorgen, es dominieren die größten Betreiber. Eine zersplitterte Struktur ist aber international nicht unüblich, so gibt es in Frankreich 138 Verteilnetzbetreiber. Eine höhere Konsolidierung ist auch kein Garant für niedrige Netzentgelte, entscheidender sind leistungsfähige Regulierung und Vergleichsdruck. Die steigenden Stromnetzkosten in Österreich könnten vor allem durch bessere Planung, Digitalisierung, Transparenz und koordinierte Zusammenarbeit der Netzbetreiber gedämpft werden, und nicht primär durch eine radikale Zentralisierung. Wichtig wäre auch eine zunehmende Digitalisierung. So könnte der Netzausbau vielfach durch intelligente Steuerung, Flexibilität und Datenanalyse ersetzt oder hinausgezögert werden.

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