Erneuerbare Energie boomt — doch ohne leistungsfähige Stromnetze kommt die Energiewende nicht ans Ziel. Die Geschäftsführer von Netz NÖ, Werner Hengst und Harald Dammerer, erklären, wo der größte Handlungsbedarf liegt und welche Rolle die Gemeinden dabei spielen.
Autor: Helmut Reindl

Niederösterreichs Stromnetz gehört zu den modernsten in Europa. „Wir sprechen hier von einer Versorgungssicherheit von 99,9 Prozent und entsprechend geringen Ausfallzeiten”, sagt Geschäftsführer Harald Dammerer. Doch der steigende Anteil erneuerbarer Energie stellt das Netz vor neue Anforderungen. „In den letzten zehn Jahren haben wir die Netzkapazitäten mehr als verdreifacht, bis 2030 müssen wir sie noch einmal verdoppeln“, so Dammerer. Der Grund: Strom wird heute nicht mehr hauptsächlich in großen Kraftwerken erzeugt und von dort verteilt, sondern zunehmend dezentral – auf Hausdächern, Feldern und in Windparks (siehe auch Seite 4). „Treiber des Netzausbaus ist seit einigen Jahren die dezentrale Einspeisung, nicht mehr der Verbrauch“, erklärt Dammerer. Netz NÖ hat bereits über 4.000 Megawatt aus Wind- und Photovoltaikanlagen ins Netz integriert – bei einer maximalen Nachfrage von rund 1.600 Megawatt. Dieser Wert wird weiter steigen.
Druck auf allen Netzebenen
Dammerers Geschäftsführer-Kollege Werner Hengst beschreibt, wo das Netz heute an seine Grenzen stößt: „Der Druck ist auf allen Netzebenen zu spüren, von der Hochspannung bis zu den Ortsnetzen.“ Photovoltaikanlagen, Wärmepumpen und E-Tankstellen entstehen vielerorts schneller, als das Netz ausgebaut werden kann. Netz NÖ hat dafür ein Netzausbaukonzept für das gesamte Bundesland erarbeitet. „Der Netzausbau ist aber nur ein Teil der Lösung: Es geht auch darum, das bestehende Netz mit digitaler Technik und intelligenten Lösungen effizienter zu nutzen“, betont Hengst.
Neue Tarifstruktur kommt
Eine konkrete Veränderung steht bei den Netzentgelten bevor. Der Regulator arbeitet an einer neuen Tarifstruktur, bei der künftig nicht nur die verbrauchte Energiemenge in Kilowattstunden zählt, sondern auch die maximale Leistung in Kilowatt. Hengst erklärt den Hintergrund: „Unsere Investitionen richten sich stark nach Leistungsspitzen, da unsere Netze dafür ausgelegt sein müssen. Es ist daher sinnvoll, diese Spitzen zu reduzieren, um den Ausbaubedarf zu senken.“ Für Haushaltskunden mit gleichmäßigem Verbrauch soll es laut Hengst zu keinen Mehrkosten kommen. Wer hingegen Spitzen beim Verbrauch verursacht, kann durch gezieltes Lastmanagement – etwa durch das Steuern von Wärmepumpen, Elektroautos oder Speichern – künftig Kosten senken.
Speicher stabilisieren das Netz
Stromspeicher gewinnen in diesem Zusammenhang stark an Bedeutung. Dammerer erklärt warum: „Strom wird zunehmend dezentral erzeugt und nicht immer dann, wenn er gebraucht wird. Vor allem die Photovoltaik sorgt für Leistungsspitzen und führt zu Überschüssen.“ Speicher könnten diesen Strom aufnehmen und später wieder abgeben, zum Beispiel am Abend, wenn die Sonne nicht mehr scheint, der Stromverbrauch in den Haushalten aber hoch ist. Das entlastet das Netz genau dann, wenn es sonst unter Druck gerät. Damit Speicher ihre stabilisierende Wirkung tatsächlich entfalten können, brauche es laut Dammerer

allerdings noch Arbeit: „Wichtig sind passende technische und rechtliche Rahmenbedingungen, damit Speicher das Netz entlasten und stabilisieren.“ Gemeinden, die etwa an Gemeindegebäuden oder in Energiegemeinschaften Speicher betreiben, können so einen direkten Beitrag zur Netzstabilität in ihrer Region leisten.
Gemeinden als aktive Partner

Smart Meter spielen dabei eine Schlüsselrolle. „Intelligente Stromzähler sind die Basis für neue Anwendungen – von Energiegemeinschaften bis zu neuen Tarifmodellen“, erklärt Werner Hengst. Erst durch Smart Meter lassen sich Verbrauch und Einspeisung in Echtzeit messen und steuern. Das ist Voraussetzung für flexibles Lastmanagement und die Abrechnung in Energiegemeinschaften. Kundinnen und Kunden, und damit auch die Gemeinden, werden so zu aktiven Partnern der Netzbetreiber. „Gemeinden können dabei eine wichtige Rolle spielen, indem sie Erzeugung, Verbrauch und Flexibilität vor Ort koordinieren und so Leistungsspitzen reduzieren und die Netze insgesamt entlasten.“
Raumplanung als unterschätzter Hebel
Neben dem technischen Ausbau nennt Harald Dammerer die Raumplanung als eine wesentliche Herausforderung: „Ein unterschätzter Hebel liegt in der Raumplanung. Es ist häufig schwierig, nachträglich Platz für neue Umspannwerke, Trafostationen, Leitungstrassen oder Ladeinfrastruktur zu finden.“ Sein Appell an die Gemeinden: „Infrastruktur muss bei neuen Siedlungen, Gewerbegebieten oder Bauprojekten von Anfang an mitgedacht und abgestimmt werden.“ Ein weiteres Thema in der Zusammenarbeit mit Gemeinden ist die Kostenfrage. Viele Gemeinden wünschen sich, dass Netz NÖ bei seinen Projekten kommunale Leitungen oder Rohre kostenlos mitverlegt. Dammerer versteht den Wunsch, lehnt ihn aber ab: „Auch wenn das gemeinsame Verlegen natürlich Synergien schafft und allen Beteiligten Kosten spart, können und dürfen wir das nicht unentgeltlich tun. Es geht hier nicht zuletzt um ein verursachergerechtes, faires Tragen der Kosten.“ Trotz aller Herausforderungen sind die beiden Netz NÖ-Chefs zuversichtlich: „Wenn alle – Netzbetreiber, Gemeinden und Kundinnen und Kunden – zusammenarbeiten, können wir die Energiezukunft sicher und nachhaltig gestalten“, ist sich Werner Hengst sicher.
Niederösterreich schärfte Klima- und Energiefahrplan nach
Auslöser für die Aktualisierung des Klima- und Energiefahrplans sind die Energiekrise infolge des Ukrainekriegs, neue EU-Vorgaben sowie der massive Ausbau von Photovoltaik und Batteriespeichern. Während die ursprüngliche Strategie von 2019 vor allem vom Klimaschutz geprägt war, rücken nun Versorgungssicherheit, Energieunabhängigkeit und heimische Wertschöpfung stärker in den Mittelpunkt. Besonders deutlich wird das beim Ausbau erneuerbarer Energien: Das Photovoltaik-Ziel für 2030 wird von ursprünglich 2.000 auf 4.500 Gigawattstunden mehr als verdoppelt. Auch die Windkraft wird kräftig ausgebaut – statt 7.000 sollen künftig 8.000 Gigawattstunden erzeugt werden. Geplant sind dafür rund 1.000 Windkraftanlagen inklusive Repowering bestehender Standorte. Das Land argumentiert dabei wirtschaftlich: Bis 2030 sollen rund 1,1 Milliarden Euro an Energieimporten eingespart, mehr als 60.000 „Green Jobs“ geschaffen beziehungsweise abgesichert und 1,6 Milliarden Euro zusätzliche Wertschöpfung erzielt werden. Für Gemeinden wächst damit die Bedeutung deutlich. Sie sollen Flächen für PV- und Windkraft koordinieren, Ladeinfrastruktur schaffen, Wärmenetze ausbauen und Klimaanpassungsmaßnahmen umsetzen. Gleichzeitig ist zu erwarten, dass die Konflikte um Raumordnung, Naturschutz und Akzeptanz zunehmen. Am Ziel „Raus aus Öl und Gas“ hält Niederösterreich grundsätzlich fest. Fossile Heizsysteme sollen bis 2040 weitgehend ersetzt werden – allerdings schrittweise und sozial verträglich.