Cyberspace statt Familiengruft

Trauer ist ein Megaboom im Internet. Ein digitaler Streifzug vom Onlinebegräbnis, über Trauergruppen bis hin zur digitalen Gedenkstätte.

Beitrag von Oswald Hicker

Früher, da war ein Todesfall berechenbar. Der örtliche Bestatter wurde kontaktiert, ein Begräbnis organisiert und getrauert wurde beim „Leichenschmaus“ im Dorfwirtshaus beziehungsweise danach am dauerhaften Erdgrab. Doch auch bei unser aller letztem Weg verändert die Digitalisierung alles. Das beginnt schon beim Begräbnis. Inzwischen gibt es im Internet pauschalierte Online-Angebote. Der Marktführer benu.at bietet eine pauschalierte Feuerbestattung samt „einfachem Urnenmodell“ bereits um 2.797 Euro an. Alles online buchbar: www.benu.at/info/preise

Angebote oft nur schwer vergleichbar
Bei vielen Anbietern ist dabei nicht einmal mehr das persönliche Gespräch notwendig, ja nicht einmal ein Telefonat. Per Mail oder WhatsApp-Chat kann der letzte Weg vom Handy aus gebucht werden. Der Haken steckt oft im Detail. Bei vielen Pauschalangeboten gibt es Aufpreise für Kerzen oder Konduktfahrzeuge, die andere Angebote wieder beinhalten. Das verwässert die direkte Vergleichbarkeit. Während bei Versicherungen, Energietarifen oder Krediten Vergleichsportale hier wertvolle Dienste erweisen, gibt es dieses Angebot derzeit in Österreich für Bestattungen nicht. Noch. Denn derzeit ist eine unabhängige Plattform für Bestattungsvergleiche im Aufbau.

Per Mail oder WhatsApp-Chat kann der letzte Weg vom Handy aus gebucht werden.

Livebilder vom Begräbnis
Die Digitalisierung ändert aber auch den Ablauf des Begräbnisses selbst. Große Trauerfeiern mit hunderten Teilnehmern am Friedhof werden immer seltener. Stattdessen überträgt ein Handystream die Livebilder auf Social Media-Plattformen. Man kann bequem vom Büro oder dem Urlaubsquartier aus Abschied nehmen. Auch seine Kondolenzen kann man inzwischen online ausdrücken. Fast alle Bestatter haben bereits die Parten online. Viele integrieren diesbezüglich die Trauerplattform aspetos.at, Österreichs größten digitalen Friedhof. Gegen einen geringen Unkostenbeitrag kann man hier auch virtuelle Kerzen anzünden, virtuelle Grabblumen bestellen. Auch Verlinkungen zu realen Floristen sind vorhanden, um einen natürlichen Kranz oder Blumenstrauß per Boten vorbeizuschicken.

Trauern auf Facebook
Auf aspetos.at gibt es auch ein Trauerforum, in welchem Hinterbliebene sich unter Moderation von Experten austauschen können. Generell sind Spezialplattformen wie diese aber ebenfalls bereits wieder im Abwind. Wie in der Medienbranche haben hier die großen sozialen Netzwerke viele Funktionen übernommen. Facebook ist voll von Trauergruppen, die Profile von Verstorbenen werden zum Trauerort.

Das ist auch der Grund, warum sich die QR-Codes auf Grabsteinen nie wirklich durchgesetzt haben. Noch vor zehn Jahren waren die Medien voll von Berichten über den neuen Megatrend. Mittels Handyscan kann man sich direkt am Grab auf eine virtuelle Gedenkseite einloggen. Man bekommt Infos zum Verstorbenen, kann durch Bildgalerien blättern oder sein Gedenken als Kommentar hinterlassen. Heute ist der Boom abgeebbt, weil schlicht kein Anbieter für dieses Service mehr existiert. Soziale Medien haben die wenigen Marktteilnehmer verdrängt.

Ein Grund für die stärkere Bedeutung von Internet-Gedenkstätten sind anonyme Bestattungsformen, an denen es gar keinen Ort gibt, an dem die Überreste zu verorten wären.

Internet-Gedenkstätten haben sich durchgesetzt
Digitale Gedenkstätten wie die Parte im Internet bleiben aber ungebrochen beliebt. Sie sind noch immer die meistgeklickten Seiten von Bestattungsunternehmen. Mit Abstand. Das Profil einer in Salzburg verstorbenen Prostituierten etwa brachte die Server einer Trauerplattform an den Rand der Überlastung. Die früh dahingeschiedene Dame hatte eine riesige Fangemeinde, die sich auch offen zu ihrer Trauer bekannte. Die virtuelle Gedenkseite wurde zu einem Internetphänomen weit über die Grenzen hinaus. Ein Grund für die stärkere Bedeutung von Internet-Gedenkstätten sind anonyme Bestattungsformen, an denen es gar keinen Ort gibt, an dem die Überreste zu verorten wären. In Niederösterreich etwa sind Donaubestattungen inzwischen immer beliebter; Man erhält zwar die Geolocation des Ortes, an dem die Asche dem Strom übergeben wurde. Direkt an die Stelle könnte man zwar theoretisch mit einem Boot gelangen – es ist aber sinnlos, da es weder Grabstein noch sterbliche Überreste vor Ort gibt.

Neue Bestattungstrends machen digitale Trauer nötig
Auch in Waldfriedhöfen oder bei einer Seebestattung in Kroatien gibt es keine Grabsteine, an denen eine Trauer möglich wäre. Ein weiterer Trend ist, die Asche von verstorbenen in die Slowakei zu exportieren, da dort keine Angaben zum Aufenthaltsort gemacht werden müssen. Nach dem offiziellen Export kommt die Asche inoffiziell wieder zurück nach Österreich, meist wird sie dann von Angehörigen verstreut.

All diese Formen der Bestattung machen einen digitalen Ort der Trauer notwendig. Wie man früher zum Grab pilgerte, klickt man heute hin und wieder einmal die Kondolenzseite der Erbtante an. Aber auch bei der traditionellen Erdbestattung wird dieses Angebot immer wichtiger. Denn erstens nehmen sich immer weniger Menschen die Zeit, persönlich am Grab vorbeizuschauen. Und zweitens hat das Erdgrab ein Ablaufdatum. Nach frühestens zehn Jahren verfällt die Grabstätte. Digitale Gedenkprofile werben damit, „ewig“ online bleiben zu wollen. Denn anders als Grund und Boden für ein Grab, kostet das bisschen Speicherplatz immer weniger.

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