Ehrlichkeit statt Fake-Beteiligung
Anstatt Jugendlichen fertige Programme vorzugeben, gilt es, sie bei ihren eigenen Projekten zu begleiten, sie dort abzuholen, wo sie stehen, und die Welt aus ihrer Perspektive zu betrachten. Darin zeigt sich echte Wertschätzung.
VON GERHARD SENGSTSCHMID
„Sichtbare Erfolge sowie eine ehrliche und direkte Kommunikation auf Augenhöhe sind jene Faktoren, die bei Jugendlichen besonders gut ankommen“, berichtet der Jugend-Gemeinderat von Oed-Öhling, Mathias Hahn, aus der Praxis.
„Jugendlichen Wertschätzung entgegenzubringen, bedeutet, ihnen konkrete Möglichkeiten zur Mitgestaltung einzuräumen und sie aktiv in Entscheidungsprozesse einzubeziehen. Dazu gehört auch, ihre Meinungen zu Projekten oder Veranstaltungen in der Gemeinde einzuholen. Für junge Menschen stellt es eine besonders wertvolle Form der Rückmeldung dar, wenn ihre Anregungen und Wünsche dann tatsächlich in die Umsetzung einfließen.“
Leider ist es immer wieder gelebte Praxis, dass jungen Menschen zwar zugehört wird, ihre Anliegen aber nicht ernst genommen werden. Derartige Schein- oder Fake-Beteiligungen haben nichts mit echter Wertschätzung zu tun und bewirken oft das Gegenteil.
Raum schaffen – ausprobieren erlaubt
Jugendzentren, Freizeitanlagen oder öffentliche Plätze ermöglichen es jungen Menschen, sich zu treffen, sich auszutauschen und zu entfalten. Dabei geht es nicht nur um Infrastruktur, sondern um Freiräume im übertragenen Sinn. Sie brauchen Möglichkeiten, sich auszuprobieren, ohne sofort bewertet oder eingeschränkt zu werden.
Einladungen zur Mitarbeit an Projekten oder zu regelmäßigen Treffen sind wirksame Instrumente der Anerkennung. Wertschätzung ist nichts, was sich künstlich inszenieren lässt – es ist eine Haltung: Jugendliche sind keine „schwierige Zielgruppe“, sondern engagierte, kreative und interessierte Mitglieder unserer Gesellschaft. Diese Sichtweise muss sich im täglichen Handeln der Gemeindepolitik widerspiegeln.
Entscheidend dabei ist, dass Gespräche nicht bloß Dialoge bleiben. Wenn Jugendliche sehen, dass ihre Anliegen gehört und in Entscheidungen einbezogen werden, fühlen sie sich ernst genommen. Die Erfahrung, dass ihre Stimme zählt und Gehör findet, gibt Motivation für weiteres Engagement.
„Lassen wir der Jugend ihren Raum und die Möglichkeit, sich auszuprobieren“, plädiert Hahn. „Ohne ‚oberlehrerhaftes‘ Verhalten und unnötige Belehrungen fühlen sie sich ernst genommen, und das ist die perfekte Wertschätzung schlechthin.“
Manchmal braucht es aber auch Unterstützung, damit Einrichtungen oder Orte, die für junge Menschen wichtig sind, am Laufen gehalten werden können. Vieles von dem, was Erwachsene manchmal skeptisch beäugen, macht für Jugendliche Sinn: Jugendtreffs, Skaterparks oder einfach Plätze, wo sie ungestört „chillen“ können. Wo es keinen Ordnungsruf gibt, wenn es mal anders läuft, als die Konventionen es verlangen.
Wertschätzung bedeutet in diesem Fall, zu helfen – nicht nur organisatorisch, sondern auch mit finanziellen Mitteln. Hier sind letztendlich auch die Gemeinden gefragt. Es gilt, eingehend zu prüfen, was trotz angespannter Budgetlage machbar ist.
„Die größte Form der Wertschätzung ist dann gegeben, wenn die Ideen und Anregungen der Jugendlichen in die Projekte einfließen.“
— Mathias Hahn
Mitbestimmen dort, wo’s wichtig ist
Niederschwellige Beteiligungsformate wie Workshops, Online-Umfragen oder offene Treffen bieten Jugendlichen die Möglichkeit, sich ohne große Hürden einzubringen. Digitale Kanäle spielen dabei eine wichtige Rolle – nicht nur für die Weitergabe von Informationen. Social-Media-Postings eignen sich auch perfekt dafür, Jugendlichen „Danke“ zu sagen oder ihre Leistungen vor den Vorhang zu holen.
Besondere Wertschätzung wird den Jugendlichen in Niederösterreich auch von politischer Seite entgegengebracht. Denn unser Bundesland ist österreichweit das einzige, das Jugendgemeinderätinnen und Jugendgemeinderäte gesetzlich verankert hat. Diese fungieren als Drehscheibe zwischen Jugendlichen, Vereinen, Bildungseinrichtungen und der Politik.
Sie bringen Anliegen im Gemeinderat ein, um die Bedürfnisse der Jugendlichen sichtbar zu machen, initiieren Projekte, gestalten Jugendtreffs mit und werden in Projekte, die Jugendliche betreffen, einbezogen.
Ein Werkzeug für Gemeinden, ihre Verbundenheit zu den jungen Bürgerinnen und Bürgern zum Ausdruck zu bringen, ist, sich als „NÖ Jugend-Partnergemeinde“ zertifizieren zu lassen. Dieses Prädikat geht einher mit Jugendarbeit auf hohem Niveau sowie einem umfangreichen Angebot für die jungen Menschen in der Gemeinde.
Der Bogen der Kriterien spannt sich dabei von der aktiven Beteiligung über ein entsprechendes Raumangebot bis hin zu Jobinitiativen, persönlichen Zukunftsperspektiven und einem attraktiven Freizeitangebot.
Im September letzten Jahres wurden im Rahmen einer Festveranstaltung die NÖ Jugend-Partnergemeinden 2025–2027 von Jugend-Landesrätin Christiane Teschl-Hofmeister ausgezeichnet. Rund jede zweite niederösterreichische Gemeinde steht im Zeichen dieser aktiven Jugend-Partnerschaft.
Ehrliche Wertschätzung darf auch öffentlich sichtbar sein
Jugendliche und junge Menschen sind so gut wie in allen Vereinen und Organisationen vertreten: Sportvereine, Musik- und Kulturvereine, Landjugend, Umwelt-, Natur- und Freizeitorganisationen, die Freiwillige Feuerwehr und vieles mehr.
Auch hier lässt sich ansetzen, um die Jugend vor den Vorhang zu holen – gerne auch im Rahmen eines Festaktes. Denn ein ehrliches „Danke“ darf und soll auch öffentlich sichtbar gemacht werden.
Unterm Strich unterscheiden sich beim Thema Wertschätzung die Jungen nicht besonders von den Älteren. Sie fühlen sich anerkannt, wenn ihr Tun gesehen und gewürdigt wird.
Wertschätzen wir die Jugend, indem wir ihr den Platz geben, den sie verdient!